Folge 2 | Anreise und erste Eindrücke

So. All diejenigen, die schon lange gespannt warten, werden jetzt für ihre Geduld belohnt. Alle anderen, die meinem Blog folgen und mich bereits vergessen hatten, sind hiermit daran erinnert, dass ich noch existiere.
Dieser Blogeintrag wird der erste von mehreren Teilen meiner Berichterstattung zu meinem ersten Monat hier in Peru sein. Die dazugehörigen Bilder lade ich dann parallel in der Galerie hoch, so dass jeder Blogeintrag visuell ein wenig untermalt ist.

Abheben
Nachdem ich mit Beginn meiner Reise zum ersten Mal die Heiligen Hallen der Fliegenden durchquert und etliche Sicherheitskontrollen recht tollpatschig passiert hatte, war ich dann doch recht bald schon in Madrid, wo ich meine beiden Reisegefährten und künftigen Arbeitskollegen und Mitbewohner traf.
Selten war ich so aufgeregt wie während der letzten drei Stunden Flug. Wobei es angespannt oder adrenalingeladen wahrscheinlich besser treffen. Das Gefühl, das auf die Realisation folgte, einfach irgendwo gemeinsam mit etlichen anderen, unbekannten Leuten einsteigen zu können, um mein Leben an nahezu jedem beliebigen, anderen Ort weiterführen zu können, beflügelte mich in diesem Moment (im wahrsten Sinne des Wortes). Alle anderen Fluggäste wurden für mich Verbündete auf unserer geteilten Mission, jegliche gewohnten Grenzen materieller wie immaterieller Art zu durchbrechen und gemeinsam die Welt zu erkunden. Ernüchternd war es, festzustellen, wie wenig von dieser Euphorie auf den Gesichtern der anderen Passagiere abzulesen war.
Umso sonderbarer muss ich dafür auf sie gewirkt haben, vorfreudig wie ich war.
Auch sah niemand so aus als würde er nach der geglückten Landung gerne mit mir klatschen wollen.

Sprichwörtlich wie im Flug verging so mein erster Flug.

Mittlerweile an den Berliner Flughafen gewöhnt, war ich von den Dimensionen des Flughafens in Madrid umso beeindruckter. Schier endlos war jeder einzelne Weg. Vom Landing Gate zum Gepäck, zum Check-In. Zum Flugzeug nach Lima ging es dann in der hauseigenen U-Bahn.  
Nachdem wir auf dem Weg zum Gate zusammengerechnet vielleicht eine Handvoll Menschen gesehen hatten, hatten sich, als wir dann im zweiten Flugzeug angekommen waren, doch schon ein paar Menschen angesammelt.
Im Vergleich zum ersten Flug war der zweite deutlich unspektakulärer, mit deutlich höherem Komfort und nahezu keinen Turbulenzen, auch wenn es für wirklich viel Schlaf trotzdem nicht reichte.

Landen
Da Lima am Meer liegt und kalte Luft vom Meer stetig auf heiße Luft vom Land trifft, ist Lima einen Großteil der Zeit von einem feinen Nebel bedeckt, was wiederum zur Folge hat, dass die Wolken, die man im Landeflug auf Lima passiert fast bis in die Stadt hinunterreichen, sodass man nach wenigen Minuten Wolken direkt in der Stadt wieder ausgespuckt wird.
Circa eine Stunde später aß ich am Limaer Flughafen meinen ersten peruanischen Empanada, der bis heute auch von den zwei, die ich bisher hier gegessen habe der beste ist. Wiederum gut zwei Stunden später waren wir dann endlich in Piura, unserem Zielort, angekommen.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits eine Flasche verloren und zwei widerwillig abgeben müssen.

In Empfang genommen von Gaby, der Chefin von CANAT, unserem Projekt, und Carolina, unserer „Mentorin“, die sogar ein bisschen Deutsch spricht, düsten wir dann erst einmal zu unserer Wohnung. Und auch unsere erste Lektion über Peru lernten wir auf dieser ersten Fahrt bereits: Anschnallen ist hier nicht. So etwas sei hier nicht notwendig; Und das bei dem Verkehr. Aber dazu später mehr.

Von der Wohnung waren wir von Anfang an überzeugt und sind es bis heute. Wir wohnen im obersten Stock eines dreistöckigen Hauses mit Panoramaverglasung an zwei Außenseiten, wenn auch leider vergittert. Jeder von uns hat sein eigenes Zimmer; weiterhin haben wir Dusche, Küche, Kühlschrank und Waschmaschine, ein großes Wohnzimmer und sogar eine Hängematte. Die Einrichtung der Zimmer ist minimalistisch und nicht wirklich als hübsch zu bezeichnen, aber fehlen tut es an nichts. Alles ist da, was es braucht, um sich zuhause zu fühlen.
Wirklich vermissen tue ich kaum etwas außer einer härteren Matratze und vielleicht ein paar Pflanzen.
Alles was uns – insbesondere für die Küche – noch gefehlt hat wurde uns in den folgenden Wochen von CANAT besorgt.

Recht schonungsvoll wurden wir dann die folgenden Tage in unser Leben hier in Peru eingeführt.

An unserem dritten Tag ging es dann das erste Mal auf den Markt, das Herz der Stadt. Läuft man an ihm vorbei scheint er recht unscheinbar zu sein, ist man einmal drin, kommt man so schnell nicht mehr wieder hinaus. Ein Marktstand reiht sich an den anderen, eine Halle an die andere. Man fühlt sich fast wie in seiner eigenen kleinen Stadt. Teils werden die bereits vorhanden Straßen genutzt, sodass bis auf gut zwei Meter in der Mitte die gesamte Straße von Ständen bedeckt ist. Teilweise hat man jedoch auch das Gefühl, der Markt habe seine eigenen Straßen und Gassen geschaffen. Manche schmäler, manche breiter. Manche unter praller Sonne, manche überdacht. Alle feinsäuberlich sortiert nach angebotener Ware. Den typischen Obststand mit um die zwanzig verschiedenen Früchten im Angebot gibt es sicher fünfzig Mal, wobei diese Schätzung ungenauer kaum sein könnte. Genauso gut könnten es dreißig sein, oder zweihundert; Spätestens nach dem zweiten Mal abbiegen gibt man die Hoffnung, den Überblick zu behalten auf.
In jedem Fall wird, wer sucht, dort fündig werden. Von Gemüse über frischen Fisch, maßgeschneiderte Anzüge oder Kosmetika gibt es so ziemlich alles.
In Anbetracht der Ausmaßes des Marktes, lässt sich vermuten, dass eine Menge Menschen von dem Verkauf ihrer Waren hier leben. Jedoch ist das Angebot so gigantisch, dass es schwerfällt, sich vorzustellen, wie ein einzelner Stand im Laufe eines Tages genug verkaufen kann, um tatsächlich Gewinn daraus zu schlagen.

Auch außerhalb des „Mercado“s ist dieses Phänomen zu beobachten. Die Querstraße der Straße, in der wir wohnen zum Beispiel ist die Hauptverkehrsachse Piuras und in dem Teil, in dessen Nähe wir wohnen nahezu ausnahmslos von Brillenläden gesäumt. Auf hundert Meter kommen so gut und gerne fünfzehn bis zwanzig Brillenläden.
Da mir bisher noch nicht aufgefallen ist, dass die Sehkraft hier nennenswert schlechter wäre als in Deutschland, frage ich mich auch hier bis heute, wie so etwas lukrativ sein kann.
Das gleiche gilt für Copyshops, Apotheken oder Banken.

Wer hier die Straßen entlangläuft sieht immer wieder Schuhputzer, ganze Familien, die an Ampeln warten, um Autos zu putzen oder Getränke oder andere Produkte über Ladenpreis zu verkaufen. Ein Auto, das tatsächlich gewaschen wurde habe ich noch nicht gesehen.
Manche Leute jonglieren Fackeln auf der Straße, singen oder spielen ein Instrument, meist recht dilettantisch.

Wer nicht laufen will nimmt Bus, Motorrad, Moto-Taxi oder Taxi. Eine Busfahrt kostet umgerechnet etwa vierzig Cent, ein Taxi abhängig von der Strecke meist zwischen einem und zwei Euro. Alle anderen Verkehrsmittel liegen irgendwo zwischen den beiden.
Nachts empfiehlt es sich allgemein, nicht zu Fuß unterwegs zu sein und sein Taxi über ein App zu buchen anstatt an der Straße anzuhalten. Weiterhin ermöglicht es einem die App einen Preis festzulegen, was die Ausnahme ist, denn nahezu alles hier ist verhandelbar.
Auch wenn der tatsächliche Preis für eine 10-minütige Taxifahrt bei rund 8 Soles (ca. 2 Euro) liegt, fangen die Verhandlungen gerne einmal bei 20 Soles (ca. 5 Euro) an.
Auch im ersten Fitnessstudio, das wir uns angeguckt haben war vom Anfangspreis nach etwas verhandeln nur noch gut ein Drittel übrig.

Allgemein gilt hier: was man auf dem Markt kaufen kann, ist sehr günstig. Alles andere ist von deutschen Preisen nicht weit entfernt. Im Schnitt etwas niedriger, allerdings nicht wirklich merkbar. Vor allem unverarbeitete Produkte ohne Zusatz von Zucker, Salz oder anderen Geschmacksverstärkern sind deutlich teurer. Das was es gibt ist dann in unglaublich kleinen Tüten verpackt. Fleischersatzprodukte sind nichtexistent.
Die Produkte, die es gibt gehören zu großen Teilen entweder zu Nestlé oder Coca-Cola.

Begleitet und betreut wurden wir dabei während unserer ersten beiden Wochen von unserer wundervollen Mitbewohnerin Xisca, einer Freiwilligen aus Mallorca, die uns geduldig alles über das Leben hier in Piura erklärt hat, uns mitgenommen hat zum Fußballspielen mit Locals und sogar an den Strand, wo ich das erste Mal in meinem Leben einen Wal in Natur gesehen habe. Fortsetzung folgt.

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