Folge 3 | Arbeit

Seit zehn Tagen schreiben wir ein neues Jahr und von mir ist immer noch nichts zu hören.
Zu erzählen gäbe es genug, nur an der Motivation zu schreiben scheitert es meist.
Weihnachten und Neujahr liegen bereits hinter uns, der große Urlaub steht kurz bevor, auch wenn aller Voraussicht nach unser Trip in den Regenwald wohl leider ins Wasser fallen wird, starken Regenfällen im Osten des Landes sei Dank.

Vorerst aber will ich aufholen, was ich euch an Informationen der letzten Monate vorenthalten habe. Auch außerhalb der Arbeit ist viel passiert, ich will jedoch an der Stelle mit dem etwas drögeren Teil, der Arbeit, beginnen, da sie es ist, um die sich mein Leben hier in erster Linie drehen sollte.

Die Réuniones
Unser erster Arbeitstag hier in CANAT begann mit unserer allwöchentlichen Reunión, oder zu Deutsch: Vollversammlung, oder Denglisch: Team-Meeting. Wenn wir auch noch nahezu gar nichts verstanden, reichte es doch einmal dabei zu sein, um sich einen groben Eindruck über die Funktionsweisen und Bräuche CANATS zu machen.


An einem normalen Arbeitstag läuft so eine Reunión folgendermaßen ab:

  • Tagesziele: Hier entscheiden alle gemeinsam darüber, welche Ziele wir für die heutige Reunión verfolgen wollen und wer sich um ihre Einhaltung kümmern soll. Ein Beispiel für so ein Ziel wäre lösungsorientierte Kommunikation.
  • Wochenrückblick: In diesem Teil hat eine Person die Aufgabe, sich eine kleine Übung auszudenken und diese anzuleiten, die zum Ziel hat, Ereignisse und vor allem Emotionen der letzten Woche revuepassieren zu lassen und mit dir Gruppe zu teilen.
  • Schwerpunktsetzungen: Gelegentlich werden manche Themen intensiver behandelt. Dazu gehören: Geschlechterrollen, Stereotype, gesunde Ernährung, Kommunikation oder Verhütung. Diese Themen werden oft von Externen vorgestellt und sollen das Team fortbilden und die Arbeit CANATs optimieren.
  • Pause: Hier sind in regelmäßigen Abständen unterschiedliche Mitarbeiter an der Reihe, etwas zu essen für die gesamte Gruppe mitzubringen.
  • Wochenplanung: Hier stellen alle Unterabteilungen CANATS ihre wichtigsten Termine der Woche vor.
  • Evaluation: Dabei wird jeder dazu aufgefordert sich persönlich, die Gruppe und den Erfolg der Tagesziele einzuschätzen und zu bewerten.

Nach mehr als drei Stunden Spanisch non-stop rauchten unsere Köpfe ordentlich und uns wurde für den restlichen Tag freigegeben. Ich bediene mich Sandros Worten, wenn ich sage: Ich fühlte mich wie ein geistger Pfannekuche.

Die folgenden Tage der Woche verbrachten wir vor allem damit uns die verschiedenen Einsatzbereiche CANATs einmal aus nächster Nähe anzugucken. Dazu an der Stelle mal ein kurzer Exkurs für die, die’s interessiert:

CANAT
CANAT ist per Definition ein Unternehmen, auch wenn es vom Führungsstil her anders gehandhabt wird. Unter der Führungsebene ist CANAT in drei Teilbereiche unterteilt.

  • Zona Urbana: zuständig für den städtischen Raum. Kinderbetreuung, Arbeit mit Familien, Verwaltung der Unterstützung der Familien in Piura
  • Zona Rural: zuständig für vier Dörfer im Süden Piuras. Arbeit mit Familien, Verwaltung der Unterstützung der Familien in Piura
  • Área de Attención Especializada: zielgerichtete Betreuung von Einzelfällen

Arbeitsalltag
Nach unserer ersten Einführungswoche wurden wir drei der Zona Urbana zugeteilt.
Stück für Stück wurden wir dann dort Teil des recht kleinen Teams, das neben uns nur noch aus Eliana und Alvaro besteht, die beide mittlerweile durch viel gemeinsam verbrachte Zeit, in- und außerhalb von CANAT, zu guten Freunden und verlässlichen Ansprechpartnern geworden sind.
Anfangs arbeiteten wir nur abends in der sogenannten Ludoteca, einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche von 6-20 Jahren in einem Außenbezirk Piuras. Mittlerweile arbeiten wir seit einigen Monaten auch morgens, dann u.a. an der Vorbereitung der Programme für die Arbeit mit den Kindern, administrativen Aufgaben oder der Organisation von Essenspaketen. Dieser Teil unserer Arbeit findet im Hauptsitz von CANAT statt, einem idyllischen Areal umgeben von geschäftigen und v.a. staubigen Straßen.
Zum zweiten Teil unserer Arbeit, der Arbeit in der Ludoteca, fahren wir meist gemeinsam mit Hector, unserem Fahrer und dem gesamten Team der Zona Urbana, oft noch unterstützt durch Praktikanten, die als Psychologen ebenfalls in der Ludoteca tätig sind und sich dort um einzelne Kinder und Eltern kümmern.
Man kommt also gut und gern einmal auf sechs oder sieben Personen. Bei sechs findet sich auf der Rückbank fast immer noch ein Plätzchen, bei sieben wird dann meist doch auf ein anderes Fahrzeug gesetzt, auch wenn auch das schon vorgekommen sein soll.

Nun zur eigentlichen Arbeit. 15:30 geht es für die Kleinen los, 16:30 für die Großen. Drei Tage klein, drei Tage groß. Klein von 6-13, groß von 14-20 Jahren.
Für die Kinder beginnt der Nachmittag mit einer Festlegung von Lernzielen für den heutigen Tag, für einige sogar schon vorher mit Fegen. Nach dem alle der Reihe nach aufgerufen wurden und ihre Ziele festgelegt haben geht die offizielle Sesión los. Für die kleineren bedeutet das hauptsächlich spielen, gepaart mit Gruppen- und Konzentrationsübungen, die wir im Laufe der Zeit mit zunehmender Erfahrung und Spanischkenntnissen immer mehr auch selbst gestaltet haben.
Die Gruppe der Größeren organisiert zudem oft selber Workshops von CANAT in Schulen oder andernorts.
Die Gruppe kleinen wiederum ist noch einmal in zwei Gruppen unterteilt. Eine beginnt drinnen, eine draußen. Nach der Hälfte wird gewechselt. Einer von uns drinnen, zwei draußen mit jeweils einem Kollegen der Zona Urbana.
Nach gut zwei Stunden wird Bilanz gezogen und der Ablauf der Sesión von den Kindern selber eingeschätzt. Das System ist dabei das gleiche wie auch bei den Reuniónes CANATs.

Danach geht es im Auto zurück zu CANAT, im Bus zurück nach Hause.
Soweit ein normaler Arbeitstag.

Weitere Teile der Arbeit der Zona Urbana und damit unserer Arbeit sind: Familienbesuche und –befragungen, Treffen mit Vertretern verschiedener anderer Einrichtungen und Organisationen wie Schulen oder die Organisation von Informationsabenden zu Bürgerrechten, Gewaltprävention oder Diskriminierung.


Insgesamt war das Arbeitspensum dabei meist gut aushaltbar. Für Pausen ist gesorgt und die Arbeit ist nicht allzu fordernd, nicht zuletzt weil sie bisher immer auf mindestens drei Schultern verteilt war.
Was sich natürlich ändern kann, sollten wir künftig an unterschiedlichen Aufgaben arbeiten wollen.

Was die Arbeit mit den Kindern angeht, kann ich sagen, dass ich selbst immer das Gefühl hatte, kontinuierlich Fortschritte zu machen, wenn auch manchmal nur kleine. Wir alle drei haben damit keinerlei Erfahrung und haben erstmal ein wenig Eingewöhnung gebraucht. Und das Gleiche gilt
natürlich auch für die Kinder. Auch heute noch muss ich mich ermahnen öfter proaktiv den Austausch mit den Kindern zu suchen, jedoch werde ich von Tag zu Tag routinierter in der Vorbereitung wie auch in der Ausführung der Sesiónes, was die Arbeit erleichtert und mehr Raum für Improvisation und Spontanität zulässt. So lernt man mit der Zeit verschiedene Charakter kennen, lernt sie zu verstehen, zu fördern und gegebenenfalls zu mäßigen.
Was mich dabei glücklich macht, ist, dass es sich um eine sehr selbstwirksame Tätigkeit handelt. Nicht alles was man vorbereitet trägt auch Früchte. Jedoch lässt sich mit dem Gespür was man mit der Zeit erwirbt recht gut einschätzen, was sinnvoll ist, was auf Zustimmung trifft und was nicht. Ist man bereit diese Überlegungen anzustellen und Zeit und Mühe in seine gemeinsame Zeit mit den Kindern zu investieren, wird man in den allermeisten Fällen sofort dafür belohnt.
Sich bewusst zu sein, welche Macht man über diese Menschen hat, die in vielen Aspekten ihrer Entwicklung noch am Anfang stehen, und dann zu sehen auf welch produktive Art und Weise man diese nutzen kann, ist ein Gefühl, was mich sehr erfüllt.
Gleichzeitig bedeutet eine faule Arbeitseinstellung, die nie mehr als lediglich Dienst nach Vorschrift vorsieht, bei den Kindern weniger Interesse, Aufmerksamkeit und mehr Unzufriedenheit. Ein Ergebnis, das einen auch selber unzufrieden zurücklässt.
Von nichts kommt also nichts.
Eine Tatsache, die recht trivial ist, einem jedoch deutlicher wird, wenn man für jede getane Arbeit immer umgehend Feedback erhält, wenn auch oft nonverbal.


Nach dem Urlaub, der nun vor der Tür steht und, Zwischenseminar in Lima miteingeschlossen, bis Ende Februar dauern wird, wird es dann voraussichtlich bei uns liegen, uns eine Tätigkeit herauszusuchen, der wir in den folgenden Monaten nachgehen wollen. Möglichkeiten gibt es einige, in- und außerhalb von CANAT, was genau das sein wird, weiß ich jedoch zum jetzigen Zeitpunkt selber noch nicht.

In den folgenden Blogbeiträgen werde ich einen groben Überblick über meine letzten Monate verschaffen, einzelne Erlebnisse näher beschreiben und auf manche Themen detaillierter eingehen, bevor dann meine Reise durch Peru und damit der wohl ereignisreichste Teil meiner Zeit hier beginnt.

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