Wagen wir einen kurzen Sprung in die Vergangenheit. Wir befinden uns im September des vergangenen Jahres in Piura, Peru. Zu diesem Zeitpunkt haben wir den Markt, die Straßen und Läden Piuras bereits gesehen, sind etliche Male Taxi gefahren, haben an einer Réunion in CANAT teilgenommen und im Anschluss Ceviche gegessen. Wir haben uns um unser Abendessen gekümmert und dabei schwarzen Mais und sämtliche andere sonderbare Lebensmittel entdeckt und äußerst unitalienische italienische Pizza gegessen.
Piura
Mittlerweile haben wir schon einige Teile der Stadt gesehen. Zwar hat die Stadt noch einige Ausläufer, jedoch ist sie was ihre Fläche angeht recht klein. Dafür kommt auf diese verhältnismäßig kleine Fläche eine Bevölkerung von ca. 750.000 Menschen, wobei die Zahlen hierfür zwischen 100.000 und 3 Millionen schwanken. Die letzte Volkszählung ist schon Jahre her und niemand scheint so recht zu wissen, wo er anfangen und wo aufhören soll mit dem Zählen. Entsprechend nah beisammen ist alles hier in Piura. Da es neben Bussen keine weiteren öffentlichen Verkehrsmittel gibt drängt sich ganz Piura auf wenigen kleinen Straßen, der Großteil in Autos und Mototaxis oder auf Motorrädern.
Auch sind die meisten Straßen so schmal, dass man sie zu Einbahnstraßen gemacht hat, unausgeschilderten Einbahnstraßen. Aber allgemein scheinen hier Schilder keine allzu hohe Relevanz zu haben. Das gepaart mit den von Natur aus hohen Temperaturen und der extremen Sonneneinstrahlung verleiht Piura seinen Spitznamen Stadt der ewigen Hitze, auch im peruanischen Winter.








Wie eigentlich jede Stadt ist auch Piura keineswegs uniform. An manchen Enden der Stadt reihen sich schöne von Palmen gesäumte Straßen mit gut in Stand gehaltenen Straßen und Fußwegen aneinander. An einigen dafür Siedlungen ohne asphaltierte Straßen, zusammengebaut aus Wellblech und Sperrholzplatten. Es gibt grünere Ecken und staubigere und hin und wieder einen riesigen Universitätskomplex inmitten einfacher, oft einstöckiger Häuser.
In manche Richtungen ist auch Piura von grün umgeben, das jedoch hauptsächlich aufgrund von Feldern, hauptsächlich für Mais, Reis und Baumwolle, die um die Stadt herum verteilt sind.
Die Zona Rural
Nachdem wir am Freitag unserer ersten Woche gemeinsam mit unserer Chefin Gaby die umliegenden Dörfer besichtigt hatten, wurde uns angeboten eine Woche später selber einmal einen halben Tag dort bei einer Familie zu verbringen.








Nach einer weiteren Woche Eingewöhnung, u.a mit Besuch einer Berufsschule, der nahegelegenen Stadt Catacaos und einiger Familien der Zona Rural traten wir dann um 7 Uhr unseren Tag an, jeder von uns in einem anderen Dorf.




Für mich ging es dabei wie auch für Matthias aufs Feld. Anfangs wollte mich mein Gastgeber – dessen Namen ich leider vergessen habe 😬 – für den Tag überhaupt nichts machen lassen, irgendwann konnte ich ihn jedoch überreden ihm beim Ernten des Futters für seine Tiere behilflich zu sein. Glücklicherweise konnten wir das Unkraut unter Bäumen jäten, sodass wir trotz frühem Beginn mit der Arbeit weitestgehend von der Sonne verschont blieben. Trotz einem ansehnlichen Ergebnis blieb für jedes einzelne Tier jedoch nicht wirklich viel übrig.
Nach verrichteter Arbeit schaute der Vater der Familie fern. Die Mutter hatte während wir auf dem Feld waren gekocht. Die Tochter arbeite in Lima und sei schon länger nicht mehr dagewesen.
Noch einmal zwei Stunden später wurde ich dann als letzter von meiner Einsatzstelle abgeholt. Kurz tauschten wir uns noch aus über die völlig neue Erfahrung, dann setzte auch bei uns die Müdigkeit ein.


Schulen und Bäume
Wenige Tage später hatte ich angeregt, dass wir mit Chiqui, selber Jesuit und Chef von CANAT, zusammen Spanisch lernen. Chiqui wohnt im Gebäudekomplex einer jesuitischen Gesamtschule hier in Piura, gemeinsam mit anderen Jesuiten.
Wie auch in Deutschland gibt es auch hier eine Unterteilung in öffentliche und private Schulen. Jedoch liegt der Anteil der Kinder, die auf private Schulen gehen hier mit über 15% fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Da wir uns hier in einer Großstadt befinden, wo der Anteil der Privatschulen deutlich höher ist liegt diese Zahl wahrscheinlich sogar noch höher. Zur Referenz: In Lima besucht jedes vierte Kind eine Privatschule. Wer es sich leisten kann investiert hier in die Bildung seiner Kinder, aber dazu an anderer Stelle mehr.
Die Schule in der Chiqui wohnt ist eine dieser Privatschulen.
Die Räumlichkeiten selber, das Gebäude sind wie man es von den meisten Schulen bereits kennt. Jedoch erstreckt sie sich über ein enormes Areal, dass u.a. zwei Fußballplätze, fünf Basketballplätze, einen Tennisplatz und ein Schwimmbad umfasst, in dem wir sogar schwimmen durften.
Läuft man normal durch diese Stadt, lässt sich kaum erahnen, dass sich etwas von solcher Größe und solch geringem unmittelbaren Nutzen hinter diesen Mauern verstecken könnte. Umso überraschter waren wir dann, als wir das erste Mal das Gelände betraten.
Wie auch die Schule verstecken sich viele Orte hinter dicken Mauern oder kleinen, oder gar keinen Schildern.


Als wir hier ankamen schien mir, die Straße in der wir wohnten überraschen leer, befanden wir uns doch mitten im Zentrum der Stadt. Wie ich mit der Zeit lernte war und ist das keineswegs der Fall. Nach und nach entdeckte ich allein auf dem kleinen etwa fünfzig Meter langen Straßenabschnitt auf dem wir wohnen: Ein peruanisch-chinesisches Restaurant, ein Antiquariat, ein Café, zwei Zahnärzte und eine Schule. Sogar einen Baum haben wir, was abgesehen von großen Plätzen und ausladenden Grundstücken hier in Piura kaum anzutreffen ist.
Auf einer Karte Piuras, die ich zum Geburtstag von unserem Mitbewohner und ehemaligen Freiwilligen Christian bekommen habe sind entlang der größten Straßen Piuras in regelmäßigen Abständen Bäume eingezeichnet. Überschlägt man ihre Anzahl kommt man auf etwa 300 Bäume und ich bin davon überzeugt, dass es so viele mehr nicht sein können. Auf einen Baum kommen also 2500 Piuranos, was, wie ich finde, die Lebensqualität doch stark beeinflusst, nicht zuletzt aufgrund der extremen Sonneneinstrahlung.
Essen
Vielleicht noch einmal ein paar Punkte zum Essen. Auch hier gibt es viele europäische und amerikanische Produkte. Ketten wie Papa Johns oder Pizzahut, aber auch kleine Burgerläden sind hier sehr beliebt. Aber auch in den Supermärkten lässt sich viel europäische und sogar deutsche Esskultur kaufen, meist zu horrenden Preisen, denn mit der Herkunft der Produkte wird gerne geworben. Auf Shampoo zum Beispiel werden oft europäische Siegel gedruckt, was auch mir noch einmal klargemacht hat, welchen Luxus wir mit der Produktsicherheit europäischer Produkte genießen.
Schinken und Käse kommen fast ausnahmslos aus Europa und auch Müsli, saure Gurken oder Frosch-Spülmittel deutscher Herkunft kann man hier finden. Von dem was ich jedoch bisher mitbekommen habe, werden diese Produkte nicht allzu viel gekauft.
Gemeinhin ist man hier unglaublich stolz auf seine Küche und schon mit peruanischem Essen äußerst zufrieden. In aller Regel ist die zweite Frage die man hier nach der Frage nach der Herkunft als Gringo (was übrigens hier keine Beleidigung ist) gestellt kriegt: Wie gefällt dir das Essen hier? Wobei es oft auch gar nicht soweit kommt, weil dein peruanischer Gesprächspartner bereits angefangen hat von der peruanischen Küche zu schwärmen. Heute erst referierte mir mein Taxifahrer, die peruanische Küche sei im Vergleich zur ecuadorianischen oder kolumbianischen, die einzige, wo einfach ausnahmslos alles schmecke.
Für alle Nicht-Vegetarier, die sich auch vor sehr unverarbeiteten toten Tieren nicht scheuen, mag das durchaus stimmen.



Ich meine ich hätte bereits in einem vergangenen Blogeintrag einmal die Ananas-Phase anklingen lassen, der stimmungstechnische Honeymoon unserer Zeit hier.
Im Anschluss an die Ananas-Phase folgt die Vollkornbrot-Phase, in der einem erstmalig klar wird, was einem dann doch so alles fehlt, wie nicht zuletzt eben Vollkornbrot. Zum Glück gab es solch einen extremen Wendepunkt von Ananas auf Vollkornbrot in meiner bisherigen Peru-Trajektorie nicht, fehlen tut es mir aber trotzdem. Zwar gibt es vereinzelt Bäckereien, die sich mit ihrem deutschen Brot schmücken und unter den Peruanern ein sehr gutes Ansehen genießen, so ganz an deutsches Brot heranreichen tut es leider trotzdem nicht.
Es lässt sich jedoch trotz allem recht gut aushalten, da ich immer wieder neue peruanische Gerichte entdecke und, was das angeht, auch jetzt noch einiges vor mir habe.